05/05/2010
Titelseitig abwegig
Warum haben viele Fachzeitschriften eigentlich so schlechte Titelseiten? Ein flüchtiger Leser könnte oftmals den Eindruck bekommen, hier handelt es sich gar nicht um ein journalistisches Produkt, sondern um einen Katalog. Klar, oftmals müssen sich Fachzeitschriften nicht am Kiosk verkaufen. Sie müssen dort nicht schreien: „Kauf mich!“ Und immer mehr Fachzeitschriften gehen dazu über, ihre Titelseiten zu verkaufen.
Aber was denken sich viele Redaktionen, Marketingabteilungen und, jawohl, auch Agenturen dabei, ihre neuesten Produkte so schlecht darzustellen: manchmal völlig freigestellt, zumindest bar jeder realitätsnahen Umgebung, zum Teil ergänzt durch völlig deplatziert wirkende Personen, die mit einem der Welt entrückten Blick uns weismachen wollen, beim Bedienen dieses Produktes einen Orgasmus-ähnlichen Zustand zu erleben? Bei Autos und anderen emotional aufladbaren Produkten kann man das noch nachvollziehen. Aber bei Aktenshreddern, Tintenstrahldruckern und Abfüllanlagen? Wohl wahr, es gibt immer wieder recht gelungene Beispiele wie etwa bei der Verpackungsrundschau, die zeigen, dass man auch Maschinen ästhetisch gelungen präsentieren kann (zwar nicht immer, aber immer öfter).
Warum spielen eigentlich Menschen auf Titelseiten eine so geringe Rolle, obwohl jeder Journalist weiß, dass sie Hingucker sind? Schon klar, eine Fachzeitschrift ist nicht „Bunte“ oder „Gala“. Aber in allen Branchen gibt es z. B. Macher, die eine lesenswerte Meinung zu bestimmten Entwicklungen haben und die Märkte bewegen. Und eine Handvoll Fachzeitschriften wie z. B. Druck & Medien (zumindest gelegentlich) oder Baumarktmanager (meistens) machen es ja vor. Liegt es wirklich nur daran, dass geeignete Personenaufnahmen teuer und schwer zu beschaffen sind?
Vor einigen Monaten haben wir selbst für einen Beratungskunden anlässlich einer wichtigen Messe die Probe aufs Exempel gemacht – wir haben Storys entwickelt, haben dafür Kunden unseres Kunden mit ins Boot geholt, haben Fotoshootings betreut und in jeder Hinsicht hochwertiges Bildmaterial zur Verfügung gestellt (für die Titelseite und den Innenteil). Und doch waren die Schwierigkeiten groß (wohlgemerkt bei Titelseiten, die man gegen Geld käuflich erwerben kann): „Das haben wir noch nie gemacht“, war noch einer der harmlosesten Kommentare. „Dann könnten die Leser vielleicht meinen, es wäre unsere Entscheidung gewesen, die betreffende Person herauszuheben.“ In der Tat, der Eindruck könnte entstehen. Aber was wäre falsch daran, wenn Redaktionen es wirklich täten? Vor allem, wenn es auch tatsächlich eine Story hinter dem Bild gibt (was hier der Fall war). Es wäre einfach nur Ausdruck journalistischer Kompetenz, die eben u. a. darin besteht, dem Leser zu sagen, was wichtig ist oder wird. In unserem Beispiel war das Unternehmen jedenfalls auch deshalb anschließend Messegespräch Nr. 1 (was den Fachzeitschriften bestimmt nicht geschadet hat). Ob das auch gelungen wäre, wenn es in Aktenshreddern, Tintenstrahldruckern oder Abfüllanlagen auf der Titelseite gedacht hätte?
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